Ein anderer Narzisst sagt:

Veröffentlicht am 22. November 2023 um 10:11

Zuschrift von vor einigen Tagen (an einigen Stellen gekürzt, um die Anonymität zu wahren):

"Hallo unbekannter Leidensgenosse,

ich bin gestern durch Zufall auf der Suche nach Antworten auf deinen Blog gestoßen.
Warum auch immer, verspüre ich den Bedarf dir zu schreiben. Du hast ja auch erwähnt,
dass Leidensgenossen sich mit Leidensgenossen austauschen sollten. Da ich niemanden
kenne, schreibe ich dir einfach mal.

Wenn es ok ist, würde ich dich/sie gerne mit "du" ansprechen"?!
Wir dürften +/- 2-3 Jahre, im gleichen Alter sein.

Kurz zu mir. Ich bin auch ein "guter" Narzisst (seit neustem).
Als dein Blog so richtig fahrt aufgenommen hat, befand ich mich in der
Psychiatrie. Meine Frau hat mich gedrängt einen stationären Aufenthalt anzutreten, da ich
ihr beim Frühstück aus Verzweiflung "ich kann nicht mehr, ich gebe mir bald die Kugel"
an den Kopf geworfen habe. Zuvor hatte ich, eine Nacht auf der Couch verbracht und mir die ganze
Nacht überlegt, wie ich mich "ausknipsen" kann. Aus trotz bin ich dann am Feiertag (01.05)
in Klinik gefahren und saß heulend in der Aufnahme und habe erzählt, dass ich für meine Familie
und mein Umfeld nicht mehr zu ertragen bin und das meine Familie nur noch unter mir leider
(Was leider auch stimmt(e)). Ähnlich wie bei dir, haben wir auch Kinder (so hart wie das klingt, der Anfang allen Übels).
Mein Leben war schon immer schwierig und ich wusste nicht was ich damit anfangen sollte.
Alles was ich in meinem Leben bis dato angestellt habe, habe ich nur gemacht, damit das
Zusammenleben mit meinen Eltern auszuhalten war. Ich muss dazu sagen, dass ich in der Kindheit
stark gestottert habe und überhaupt kein Selbstwertgefühl hatte. Als dann im Jugendalter (mit 15)
der Alkohol Einzug hielt, war die Zeit für mich erträglich. Ich habe jedes Mädel was bei drei
nicht auf dem Baum war, "abgeschleppt". Die Gier war so groß, dass das teilweise ausuferte.
Wie bei einem kleinen Kind bestand der Reiz nur in dem "Haben". Am nächsten Morgen war mein Interesse
gleich 0 und ich habe die Mädels allesamt enttäuscht. War mir aber auch egal. Ich wollte nicht
das meine Eltern irgendetwas mitbekommen. Die Kontaktaufnahme ging in Zeiten von analogen Telefonen
nur über den Apparat der Eltern. Ich wollte unbedingt umgehen, dass ich mich in irgendeiner weise
mit meinen Eltern auseinandersetzen musste. Mit 24 Jahren ist das Verhältnis dann komplett eskaliert
und ich habe aus Verzweiflung ein ....xxx...studium angefangen (um einfach Ruhe zu haben). Ich
habe Studenten bis dahin gehasst. Da mein Vater mir das Studium und eine Wohnung finanziert
hat, hatte ich nun Druck: "Mein Vater hat mir genau vorgerechnet, wie lange ich studieren darf und soll".
"Das würde ja alles ein heiden Geld kosten". Für mich nicht das Schlechteste.
Ich habe das Studium als einer der wenigen in der Regelzeit durchgebracht. Sogar mit einer 1.59 als
Abschlussnote. Völlig ohne Selbstvertrauen und Motivation war ich nun im wahren Leben-
und hatte auch plötzlich einen Platz in der Gesellschaft angekommen und musste liefern...

Während des Studiums habe ich meine Frau kennengelernt. Den besten Menschen dem ich je begegnet bin.
Dieser Mensch hat mir zum ersten Mal das Gefühl vermittelt, ich liebe dich als Mensch. Ein Gefühl
was ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Diese Frau sieht wunderbar aus, ist intelligent und
erfolgreich im Beruf. Ich habe nie verstanden, was diese Frau an mir findet (da ist wieder das
Selbstwertproblem). Es war der Himmel auf Erden. Wir haben überall und immer Sex gehabt...ich fühlte
mich das erste Mal im Leben zufrieden. Wir hatten keine Geldprobleme und konnten den Zustand genießen.
Nach tollen Jahren haben wir uns für Kinder entschieden. Wie schon oben erwähnt, das Anfang des Übels.
Das ist mir natürlich erst nach der Klink bewusst geworden. Ich habe jahrelang alle meine Probleme
erfolgreich verdrängt (im Sport und mit Alkohol). Kurz noch zum Sport: Mein Vater ist Leistungssportler
und gab mir immer das Gefühl, dass ich ja eine Pfeife bin. Das hat er mir nie wirklich gesagt, aber
ich habe das gespürt........ Sein Sohn war der Vorzeigesportler und hat im Fußball alles erreicht (Kreisauswahl, etc.).
Ich war immer nur der "Büffel" und der Fettarsch. Als ich mir nach dem Studium ein Rennrad gekauft habe,
ist der Narzisst förmlich explodiert. Ich habe mein Gewicht auf ein Minimum reduziert und sah aus,
wie Jan Ullrich in seinen besten Zeiten (mein großes Idol). Ich bin nur Rad gefahren. Selbst zwei
Stunden um 5 Uhr 30 zur Arbeit, kein Problem. Ich kam meinem Ideal immer näher. Der Körper hat mir immer
mehr signalisiert "hör auf", aber ich habe wie versessen weitergemacht. Ich habe meinem Vater und
meinem Onkel sportlich in den Arsch getreten und habe endlich die Anerkennung bekommen. Von meinem
Vater nur über Dritte. Ich habe diesen Mann für seine Leistungen vergöttert, aber er hat mich nie
beachtet. Selbst das Studium fand bei ihm kaum Anerkennung (traurig, aber wahr).

Ich liebe meine Kinder über alles (zumindest mein rationaler Teil), aber seitdem die Kinder da sind,
stand ich auf dem Abstellgleis. Meine Probleme wurden immer bedeutsamer und ich verfiel immer mehr in
Depressionen, bis es zum großen Knall kam. Mein Leben war die Hölle geworden und bestand aus Fragen und
Sätzen, wie "was ist denn wieder mit dir?", "warum kannst du dich nicht mal mit uns freuen",
"warum kannst du nicht so sein wie andere Väter?", "du hast doch alles, genieß es doch endlich mal",
und noch viel schlimmer "ich möchte meinen alten Mann wieder haben". Ich habe ständig in den Spiegel
geguckt und mich selbst auch immer gefragt: "was stimmt mit dir eigentlich nicht?!".
Ich habe laufend versucht Dinge zu verändern, aber es stellte sich keine Besserung ein. U.a. habe
ich sogar den Arbeitgeber gewechselt. Aber nichts hat geholfen. Ich wurde immer verzweifelter und habe
immer mehr an Suizid gedacht. Die Gedanken wurden immer realer und die Hemmschwelle niedriger.
Da ich schon immer ein Feigling war, hätte ich die Sache aber nie durchgezogen.

In der Klinik habe ich dann endlich Antworten gefunden. Obwohl ich nie über mich sprechen konnte und
auch nie über Probleme gesprochen habe, bin ich in der Klink förmlich aufgeblüht. Ich hatte endlich das Gefühl, ich werde verstanden und (die Einsicht kam mir
erst am Wochenende) ich bekam endlich die ersehnte Aufmerksamkeit. Ich habe schon immer verstanden
wie ich mich verhalten muss, damit ich von allen gemocht werde, obwohl ich innerlich fasst allen
Menschen mit Abwertung und Neid begegne. Die Abwertung findet statt, bevor ich einen Menschen kennengelernt
habe. Die Matrix ist fertig, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann, ob ich einen Menschen
wirklich mag oder nicht. Aber eigentlich mag ich niemanden. Mein Leben besteht aus Zweckbeziehungen.
Als ich meinem Therapeuten das erste Mal gegenübersaß, habe ich nur gedacht...was ein Typ, du kannst
dich auch erstmal selbst therapieren ;-) Naja egal, ich wollte mich auf jeden "Scheiß" einlassen.
"Kling-klang-klong Musik", Mediation und das volle Programm. Meine Bewertung über die Therapieangebote
standen schon, bevor ich irgendwo anwesend war. "Wow, Wellness für
die ganzen bekloppten faulen Säcke...". Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass mir gerade die belächelten
Therapieangebote am meisten gebracht haben und ich konnte mich immer mehr öffnen. Im Laufe des Aufenthaltes
konnte ich mich immer mehr öffnen und haben dem Therapeuten eine Steilvorlage nach der anderen geliefert,
so dass dieser zum Schluss eigentlich nur einen Strich drunter machen musste und dem Kind einen
Namen verpassen musste => "Sagt ihnen Narzissmus etwas?" -> Wusch!!! Wow dachte ich. Nie im Leben...
aber mit dem Abstand den ich seit dem gewonnen habe, muss ich dem leider voll zustimmen. Als ich dann nach
der Diagnose in das Belastungswochenende starten wollte, wurde ich auf dem Weg nach Hause aus der Bahn geworfen.
Ich habe mein komplettes Leben in Frage gestellt und bin auf immer mehr Punkte gestoßen an dem der Narzisst
in mir Entscheidungen gefällt hat. Ich habe meine Frau angerufen und geheult wie ein Kind, als ich
ihr von der Nachricht erzählen wollte. Sie nur ganz cool: "Ja, aber ist doch nicht schlimm. Du bist
doch immer noch der Gleiche".

Ich mache hier jetzt mal einen Punkt. Naja, auf jeden Fall bin auf deinem Blog hängengeblieben und
konnte es beim Lesen kaum glauben, was dir so widerfährt. Die Beträge hätten fast 1 zu 1 von mir
stammen können.

Ich wünsche dir weiterhin alles Gute!"

 

Meine Aussage dazu:

Ich weiß gar nicht wo ich da anfangen soll. Ja, so denkt ein Narzisst. Die Aussage mit den Kindern wird ein Normalo überhaupt nicht verstehen und denken: "Was für ein Arsch, wie kann der sowas sagen, dieser Abschaum, typisch Narzisst!" Ich wiederum verstehe seine Aussage in der Aussage. Es geht nicht um die Kinder, wir könnten die Kinder auch in eine andere Aufgabe ersetzen, z.B. Rennsport, Kuchenbackrunden,.... egal was, es geht darum, dass der Narzisst sich durch eine Veränderung in der Gefahr sieht, Zeit und Führsorge zu verlieren. Absolut schwierig, dieses einem gesunden Menschen zu erklären. Der Narzisst hat in seinem Leben, vorzugsweise in der Kindheit nicht die Liebe und die Aufmerksamkeit bekommen, die er gebaucht hätte, um sich normal zu entwickeln. Und nun rückt eine Gefahr an, diesen Zustand wieder entfachen könnte. Der Instinkt des Narzissten geht nun auf Abwehr und Kampf. 

Alles in Allem zeigt diese Aussage von dem Schreiber, dass wir Narzissten schon anders funktionieren. Und seine Aussage das meine Texte 1:1 auf ihn passen, das sagen übrigens alle Narzissten, zeigt, dass wir doch alle etwa nach dem gleichen Programm laufen. 

Leistung steht immer ganz oben. Leistung bringt Anerkennung und Liebe für uns. Bleibt das aus, oder wird es verlagert, haben wir ein Problem. Erlangen wir keine ausreichende Leistung,  fühlen wir nicht mehr geliebt zu werden. Dieser Kanal ist dann "verstopft". Wenn wir uns nicht mehr geliebt fühlen, werden wir etwas produzieren, um wieder geliebt zu werden. Das kann in verschiedene Richtungen gehen. Harter Sport, manche suchen sich eine Affäre (ich nicht mehr, Aussage an meine Frau), gehen eine Diskussion ein, um zu zeigen wie wertig wir sind, gehen neue Projekte an,..... ach, dass ist so viel.

Ich brauche also Anerkennung, um geliebt zu werden. Damit sind wir beim Weg des Narzissten. Anerkennung wird  zur Möglichkeit, Liebe aufzunehmen. Bleibt die Anerkennung aus, wird es schwierig in uns. 

Wir haben definitiv als Kinder zu wenig, wenn überhaupt, Liebe bekommen. Liebe ist kein "normales Gefühl" für uns. Es ist unser Treibstoff und unser Ansporn. Wenn wir lieben, dann aus vollem Herzen und können diese Liebe auch erwidern. Dennoch wollen wir sie immer erhalten und  haben Angst davor, dass sie sich verändern kann. Dann setzt die Manipulation ein. Wir manipulieren nicht, um jemanden zu schaden, wir manipulieren, um zu lieben!

Geliebt zu werden, Liebe zu spüren, die uns unser Partner gibt, ist unser Lebensziel. Alles andere sind Wege, um die Liebe zu bekommen, die wir als Kinder nie hatten. Heute kann unser Inneres Kind nur betteln und sagen, dass es früher keine Liebe gab, heute sind wir als Narzissten starke Persönlichkeiten, die alles dafür tun, um nie wieder keine Liebe zu bekommen.

 

Jeder Narzisst wird das, was ich hier geschrieben habe, klar verstehen. Die Normalos werden sich ihrer Gedanken nicht sicher sein und viele dieser Ansichten nicht verstehen.

 

Nur ein Narzisst versteht einen Narzissten und kann ihn sogar als ungefährlich einstufen. Diese Erfahrung habe ich sogar schon im Beruf gemacht. Ich hatte einen Auftraggeber, der war sowas von narzisstisch, ohne es selbst zu wissen. Für mich eine gute Schule, wie ich mit ihm klar komme. Ich hab aus dem Umgang mit ihm super viel gelernt.

 

 

 

 

 


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Kommentare

Anonym :)
Vor 7 Monate

Hallo zusammen,

Ich habe gestern rein zufällig erfahren im Gespräch, warum ich so bin wie ich bin :((
Das Gespräch war nicht auf mich bezogen sondern war ein Erlebnis von einer Frau über die eine gute Bekannte erzählt hat.

Ich war mit meiner Familie bei ihr, eigentlich ein schöner Abend gewesen bis sie anfing über einen Narzissten zu reden.

Ich habe nichts nach außen gezeigt, aber gebannt zugehört.
Auf dem Heimweg habe ich u mein Mann uns wortlos verstanden, denn wir sind lange verheiratet und leiden beide unter meinen Symptomen.
(Schreien, Wutausbrüche, das Gefühl nicht geliebt zu werden, das Gefühl nicht verstanden zu sein,Depressionen, da ich ängstlich bin habe ich mich nie getraut meinem Körper etwas anzutun)

Nach außen bin ich die netteste und hilfsbereite Person.

Ich habe in der Kindheit zu wenig Aufmerksamkeit und Liebe bekommen, habe nie gelernt was Gefühle sind oder wie man sie verarbeiten soll besser gesagt.
Bin eher ein zurückhaltende Person und nicht auf Erfolg aus, habe grade so meine Ausbildung geschaff ,lernen viel mir immer schwer.

Deshalb weise ich nur zum Teil einen Narzissten auf....so wie ich das nach Beschreibungen nachlesen konnte.

Dadurch das ich gestern einen Anhaltspunkt bekommen habe, wieso ich mich so verhalten, hoffe ich das ich es irgendwie schaffe das meine Familie nicht mehr leiden muss.

Danke für deinen Beitrag...musste wieder weinen über das wie ich meinen Lieben über die Jahre hinweg weh tat...

Liebe Grüße

Hannelore
Vor 3 Monate

Manipulieren tun Sie, UM GELIEBT ZU WERDEN. bzw um Anerkennung zu bekommen, welche sie mit Liebe vertauschen
Denn allein wenn man Manipuliert ist das was man dann bekommt keine Liebe, das kann keine Liebe sein....

Ein narzisst Nacht anscheinend alles um geliebt zu werden, ist also Extertal motiviert.
Gesunde Menschen motivieren auch andere Dinge als die Anerkennung im außen.
Wenn Sie extrem sport machen, um Anerkennung zu bekommen dadurch, unterstellen sie bitte nicht (wie narzissten nunmal leider so si d) anderen, auch nur aufgrund der Anerkennung extremsport zu betreiben. Das ist eben soooo nervig an narzissten, diese ständig Projektion! Sehen Sie ein dass Menschen anders sind als Sie.
Manche Menschen lieben Sport zB einfach. Die machen das für sich. Der Sport alleine befriedigt sie, erfüllt sie, nicht die Anerkennung, die man dann vielleicht bekommt.

Ich glaube, rational verstehen Gesunde Menschen schon, was sie da von sich geben. Es ist sehr anmaßend, zu behaupten, Gesunde Menschen verstehen das sowie nicht. Das Wissen sie doch gar nixht!
Wenn, dann können wir es emotional nicht nachvollziehen.

Bitte differenzieren Sie mehr!
Lernen Sie dies!